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  • Ludovica Bello

Freischaffend

Ich dachte heute an mein Leben. Wie ich an der Musikhochschule war und dann sofort am Nationaltheater engagiert wurde. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Platz, hatte Glück und sicher auch noch jugendliches Enthusiasmus.

Dann habe ich entschieden, frei zu sein. Es war eine lange Überlegung und am Ende eine richtige Entscheidung. Aber nach sechs Jahren als festes Mitglied, einfach so Freischaffend zu sein, ist nicht einfach.

Ich spreche nicht über Geld. Ich hasse Geld -ich hätte sonst sicher einen anderen Job gewählt ;)

Ich spreche über dieses Gefühl, jeden Tag einen Plan zu haben. Im Fall des festen Ensemblemitglied bekommt man um 14 Uhr den Tagesplan für den folgende Tag. Aber als Freischaffende ist man plötzlich für sich selbst 100% verantwortlich und, wenn man das noch nie gemacht hat, ist es schwer!

In einer Woche hat man das Gefühle, nutzlos zu sein. Vielleicht hat man viel mehr zu tun als in der Vergangenheit, aber man "checkt" das nicht.

Heute habe ich an dieses Gefühl gedacht. In diesem absurden Moment, wo wirklich die GANZE Welt hat dasselbe Problem und ALLE (!) Theater sind geschlossen, hat man keinen Job mehr als Sänger! Egal ob man Anna Netrebko, Luca Pisaroni oder Hans Fritz aus Gelsenkirchen: man hat keine Auftritte! Das ist der reine Wahnsinn...das ist so verrückt.

Ich hocke zu Hause so wie Joyce Didonato und fühle mich aber NICHT so wie am Anfang der Phase als Freelance. Das ist komisch. Das, was sich verändert hat, ist nicht die Nummer der Auftritte (ich habe am Anfang meiner Freischaffenheit sogar schon einen Vertrag gehabt!), sondern die Tatsache, dass man alle zusammen im selben Boat ist. Noch mehr: egal ob Anwalt, Handwerker, Sänger, Bibliothekar oder Putzmann: wir mussten alle auf Pause drücken und abwarten. Warum habe ich nicht mehr das Gefühl, nutzlos zu sein? Es ist dieses Gefühl der "geteiltes Leid, halbes Leid"? Ich glaube, es ist viel mehr. In diesen Tagen habe ich viele Videos gesehen, wo die Italiener (aber auch eine Gruppe Deutscher aus Bamberg!) auf dem Balkon sangen, um sich mehr "zusammen" zu fühlen, wie eine riesige Familie.

Ich fühle mich auch so: diese selbstlose Solidarität dieser Menschen hat mein Herz geöffnet und mich, trotz Coronavirus, auf ein anderes Niveau gebracht: eine Hoffnung fließt mit meinem Blut in meinen Venen und ist Bote neuer Zeit.






Ich habe übrigens mit vielen KollegInnen darüber geredet,warum man sich so am Anfang der Freischaffenheit fühlt. Viele haben geantwortet, dass man nicht nur am Anfang, sondern auch wenn man schon oft als Freischaffender unterwegs ist, fühlt man sich in einem Abgrund gefangen. Eine Kollegin nennt das "das schwarze Loch" und das ist so etwas wie eine Depression. Man muss resilient sein, aufstehen und kämpfen.

Ich glaube, dass die Situation, so wie sie jetzt in Deutschland ist, ab Montag noch schwieriger sein wird: wahrscheinlich wird morgen Frau Merkel morgen die Ausgangssperre für Alle kommunizieren. Es ist gut so. Es muss sein.

Nur eine Frage: wie lange wird die Sperre dauern?

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