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  • Ludovica Bello

Sonntag

Heute ist Sonntag. Ich musste heute Morgen mich anstrengen, um mich daran zu erinnern, welcher Tag es war.

Ich bin Italienerin und war bis vor vier Jahren, wie 71,1% der italienischen Bevölkerung, Katholikin. Meine Eltern haben mich als Kind immer in die Kirche gebracht und ich habe verschiedene Phasen erlebt: als kleines Kind wollte ich nicht mitgehen, ich fand es doof und langweilig. Mit 4 durfte ich auf dem Schoß meiner Mutter dösen. Aber ab 7 durfte ich das natürlich nicht mehr. So fing für mich die Akzeptanzphase an. Ich saß da reglos, ohne ein Wort zu verstehen, obwohl der Priester selbstverständlich auf Italienisch sprach. Es war alles ein Verbot und, gleichzeitig, ein "Liebe deinen Nächsten!". Ich habe mich immer gefragt, wer dieser Nächste sei, aber nie die Antwort gefunden.

Dann kam -nur sehr spät- die Vernunft und alles wurde für mich viel zu patriarchalisch, chauvinistisch und mittelalterlich.


Aber heute, zum ersten mal seit vier Jahren, habe ich an die Gläubigen gedacht. Sie finden Ruhe und Frieden, wenn sie in die Kirche gehen und das verstehe ich total: das ist wie eine wöchentliche einstündige Meditation.

Noch mehr, denke ich heute an die Leute -meistens in Bergamo- die ganz alleine verstorben sind: ohne Familie dabei, ohne Priester für die Letzte Ölung. Sie bekommen keine normale Beerdigung.

Der Bischof von Bergamo Francesco Beschi hat die Verwandten der zu-Hause-Sterbenden eingeladen, sie zu segnen und auch die Ärzte dürfen die im-Krankenhaus-Sterbenden segnen. Das ist alles. Die Leichen werden von der Armee in den anderen Kommunen mitgebracht, damit sie eingeäschert werden. Irgendwann wird man dann eine allgemeine Beerdigung gemacht. Gestern sind nur in der Lombardei 546 gestorben, heute 361. Und das ist nur die offizielle Statistik.

Anscheinend sterben viele Leute zu Hause: sie wurden nie diagnostiziert, haben eine respiratorische Insuffizienz und erleiden in wenigen Stunden den Tod. Sie werden nicht getestet und deswegen tauchen sie in der Statistik nicht auf.

Ich will am heutigen Sonntag an sie denken. In der Stille.



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